Eine gute Dekade mussten wir uns gedulden, bis die Elbphilharmonie in Hamburg endlich stand. Das Gebäude ist nicht nur von außen ein Hingucker, sondern auch von innen – Also haben wir uns zu einem Interview mit einem der Innenarchitekten zusammengesetzt. Daniel Schöning über den Möblierungsprozess hinter Hamburgs lang ersehntem Bauwerk.

Ist es schwierig, den Vorstellungen des Auftraggebers gerecht zu werden und dabei seiner eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen? Hattest du schon mal die Situation, wo du dir mit den Vorstellungen des Auftraggebers absolut uneinig warst, oder nimmt man solche Aufträge gar nicht erst an? Wie war das im Fall Elbphilharmonie?

Das ist natürlich immer unterschiedlich, auch, wie sehr die Zuständigen da mitreden wollen. Es gibt Auftraggeber, die lassen einem da mehr oder weniger freie Hand, da bin ich dann relativ frei. Andere haben genaue Vorstellungen, und da ist natürlich immer das Ziel sich irgendwie einig zu werden.
Bei der Elbphilharmonie gab es dieses Problem zum Glück nicht. Die Vorstellungen waren am Anfang zwar schon sehr anders. Es gibt da dieses Grüppchen an Leuten, deren Aufgabe es war, nachdem der Bau soweit abgeschlossen war, durch das Gebäude zu laufen, und jeden einzelnen Raum aufzuschreiben und dann eine Liste anzulegen, in der jegliche Möblierung festgehalten wird – also: was wird in welchem Raum gebraucht und wie viele? Und als diese Liste fertig war, wollte man zuerst Klassiker da rein stellen, das war die Idee. Ein Stil, der ja eigentlich so überhaupt nicht in das Gebäude passt. Das geht ja eigentlich nicht. Am Ende haben wir da aber dann doch einen Umschwung gemacht und eine gute Lösung gefunden, die uns sehr gut gefällt. Insofern kommen wir dem tatsächlich sehr nahe, auch was die Räume angeht und daher war das natürlich ein Gebäude, wo ich total gerne drin gearbeitet habe, auch total fasziniert war von dem, was die da tatsächlich umgesetzt haben. Insofern hat das gut gepasst. So, wie manchmal der Bauherr kommt und womöglich eine ganz andere Vorstellung hat und wir als Architekten da dann nicht dazu passen, hätte es ja auch hier sein können. Das war hier aber tatsächlich genau das Gegenteil.

Besonders begeistert haben uns ja die Stehtische. Ich hab vorher noch nie so schöne Stehtische gesehen.

Ja, das ist doch schön. Ich meine, auch da sind ja nicht alle Leute der gleichen Meinung, es gibt natürlich auch welche, die sagen: „Was soll das eigentlich und warum das jetzt?!“. Ist doch gut, das freut mich auch.

Wie ist es denn zu solch unglaublich schönen Stehtischen gekommen, beziehungsweise genau dieser Möblierung generell?

Die hat ja tatsächlich nicht unser Büro allein gemacht. Ich hatte die Anfangsidee, dass es eigentlich junge Designer sein müssten, von denen man Möbel aussucht, die dann in das Gebäude kommen. Von dieser Idee ausgehend habe ich mich dann umgesehen – was gibt es in Hamburg für Designer, wie ist die Designszene, was entsteht hier gerade ­– und hab da relativ wenig gefunden. In Berlin gibt es relativ viele junge Büros, hier eher nicht. Ich hab aber zwei gefunden, Eva und Marcel, die sind Mitte 30. Für ein Designbüro, das schon einen guten Ruf hat, ist das noch jung. Die ärgern sich immer ein bisschen, wenn ich sie als junges Büro bezeichne. (lacht)

Also jedenfalls habe ich die beiden in diesem Zuge kennengelernt und hab sie dann auch gefragt ob wir das nicht zusammen machen wollen. Wir haben dann tatsächlich so begonnen, dass wir von dieser Liste ausgehend angefangen haben, für die Räume zu überlegen: „Was wollen wir da rein haben?“ Und dann ging uns ein bisschen ein Licht auf.

Wie es so oft ist, wenn man Architektur macht, hat man häufig den Fall, dass du anfangs irgendwelche Ideen hast und am Ende geht es um irgendeinen Stuhl der so oder anders aussieht; es geht darum ob der Stuhl rot oder blau ist und die Folge könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen: Du hast dann mit dem Intendanten zu tun, du hast mit dem engeren Team zu tun, das waren dann so 15 Leute, die da immer miteinander reden und festlegen, was als nächstes gemacht wird und wie es gemacht wird. Du hast mit den Architekten zu tun, die reden da ja auch dann immer noch mit bei den Dingen, die da reinkommen.  Und wir dachten, wenn die jetzt anfangen Möbel auszusuchen, stellen wir denen die Möbel vor, die wir gut finden, und dann wird es riesen Diskussionen geben. Darüber, ob die Farbe in Ordnung ist und warum denn der und nicht der Stuhl, und der eine findet den bequemer, der andere den, und das gefällt mir nicht, das gefällt mir ganz gut. Das wäre ein heilloses Chaos geworden.

Deshalb dachten wir uns, was wir machen müssen ist eine Art Leitidee finden, die, völlig unabhängig von den Möbeln die wir aussuchen, beschreibt was wir wollen, und warum wir für dieses Gebäude genau das richtig finden. Und diese Leitidee, die muss abgesegnet werden, von diesem Gremium von 15 Leuten und den Architekten. Und wenn wir dann Möbel aussuchen, können wir immer sagen: „ja klar, die Möbel sehen genauso aus, weil das exakt dem entspricht, was wir als Leitidee entworfen haben und dem habt ihr alle zugestimmt, also da fahren wir jetzt nicht zurück.“

Wie ging es danach weiter?

Wir haben dann unsere Leitidee vorgestellt, die wir gemeinsam entwickelt haben. Die haben wir dann Sense Memory genannt. Glas fühlt sich anders an als Holz, anders als Papier. Und in dem Moment, wo man beides nebeneinander hat, ergibt es einen besonderen Sinneseindruck. Wir dachten uns, genauso wie derjenige, der im Konzert war und dann rausgeht und immer noch die Musik im Ohr hat, so müssten eigentlich die Leute unsere Möbel irgendwie wahrnehmen und irgendwie ein Gefühl mitnehmen.

Das macht man natürlich per Auge aber auch über die Haptik. Deshalb war die erste Idee, verschiedene Materialien nebeneinander zu stellen, die man eben fühlt und irgendwie mitnimmt. Eine andere Idee war zu gucken, was es für neue Materialien gibt; und dann gibt es noch diesen künstlerischen oder handwerklichen Anspruch. Aus dem handwerklichen Prozess entstehen gewisse Formen und wir dachten, man könnte auch diese Dinge nebeneinander stellen.

Basierend auf diesen Ideen wäre es aber so gewesen, dass die Möbel relativ auffällig sind, das ist alles etwas, was sehr präsent ist. Und wir dachten: „Eigentlich ist das nicht richtig.“ Sondern das, was man hier braucht, in dem Haus – da ist doch die Architektur so stark, so bekannt, wir wollen da jetzt nicht in Konkurrenz treten, und eigentlich geht es auch um Musik und nicht um Möbel die da stehen – ist eher eine gewisse Zurückhaltung. Wenn wir also allen Möbeln, die wir da reinstellen, die selbe Farbe geben, dann würde man durch das Gebäude gehen, würde an verschiedenen stellen verschiedene Möbel sehen, aber dadurch würden sie zusammenfließen; man würde sie wie ein Objekt wahrnehmen, das aber zusammengehört und sich damit ein bisschen loslöst vom Gebäude – So könnte man die Architektur unabhängig von den Möbeln wahrnehmen. Und das würde bedeuten, im übertragenen Sinne, dass man auch die Musik unabhängig von den Möbeln wahrnehmen kann.

Wir haben uns dann zunächst dazu entschieden, die Möbel weiß zu machen. Man hat eine Zeit lang Museen gebaut und sie möglichst weiß gehalten, damit die Kunst, die darin ausgestellt wird, gut zur Geltung kommt und nicht beeinflusst wird von dem Raum und dem Gebäude drum herum. Und wir haben gesagt: Unsere Möbel sind alle weiß, damit total zurückhaltend. Wir entmaterialisieren sie geradezu, damit das Gebäude und die Musik wirken kann. Das ist im Grunde die Leitidee, die wir hatten. Wir haben dann noch von unserer Idee mit den Materialien und der Technologie erzählt, aber eben alles in weiß. Wir wollten auch nicht alles weiß lackieren, sondern eigentlich eher den ganzen Produkten, die wir da rein stellen, die Farbe entziehen. In den Entwürfen der Elbphilharmonie gab’s anfangs ganz viele Räume, die tatsächlich ’ne farbige Wand hatten und dann hätten sich auch die Möbel noch besser abgehoben.

Wie kamen die Ideen denn an?

Also dieses Konzept haben wir vorgestellt und es wurde dann auch tatsächlich einstimmig angenommen. Damit sind wir dann losgezogen und haben geguckt, was für Möbel passen würden, geguckt, dass es junge Designer sind und Produkte, die vielleicht noch gar nicht auf dem Markt sind.

Wir haben auch Designer gefragt, ob sie nicht etwas entwerfen wollen. Uns wurde dann aber sehr schnell klar, dass das relativ kompliziert ist. Wir hatten uns jetzt schon so lange mit diesem Gebäude und den Räumen dort beschäftigt, dass wir schon eine Vorstellung davon hatten, was da rein muss und die anderen haben dann mit irgendwelchen Sachen angefangen, die uns im Grunde wieder zu wild und zu aufgeregt waren.

Deswegen haben wir angefangen, selbst zu entwerfen und haben tatsächlich auch als erstes diese Glasmöbel entworfen. Das war das, was wir zuerst vorgestellt hatten. Fanden Intendant und Team auch ganz gut; dann haben sich aber Herzog und De Meuron eingeklinkt und gesagt: Wir wollen das nicht. Wir wollen nicht, dass diese Glasmöbel bei uns im Foyer stehen. Da waren wir erstmal verwirrt, sie haben dann erklärt, dass es ihnen zu sehr wie ein Schmuckstück oder wie ein Diamant sei, das Glas glitzerte zu sehr und „Glas ist so besonders, das ist viel zu auffällig für dort, am liebsten wäre uns ihr würdet irgendwelche Stehtische, die es auf dem Markt gibt aussuchen und die dahin stellen.“

Das haben wir nicht so ganz verstanden, haben da auch sehr lange hin und her diskutiert und die Zeit wurde immer knapper. Irgendwann haben sie dann auch Stehtische vorgeschlagen, das waren dann aber auch Klassiker, wo wir gesagt haben „Nee, hier ist unsere Leitidee und das ist überhaupt nicht das, was wir wollen, geht nicht“ und uns dann hingesetzt und die Möbel entworfen, die jetzt drin stehen.

Damit waren sie dann auch tatsächlich einverstanden, für uns war es im Grunde letztlich ein Glück, weil unsere Glasmöbel ja trotzdem nicht in die Tonne kamen, sondern jetzt in dem Skylounge-Foyer stehen. Obwohl unser Konzept ja entfärben war, ist es da oben dann doch irgendwie Schwarz geworden. Einerseits, weil man bei Skylounge auch an den Nachthimmel denkt, andererseits, weil es auch irgendwie nochmal was Besonderes ist.

Was ist an dem Ganzen für dich der spannendste Teil, wo bist du am liebsten involviert?

Letztendlich der ganze Prozess. Dieser Anfang ist auch ganz spannend, also ein Konzept zu entwickeln und sich damit auseinander zu setzen: Was mach ich überhaupt, damit ich meine Ideen am Ende auch durchsetzen kann? Das ist natürlich schwierig und diese Leitidee zu entwickeln war etwas, das mir riesig Spaß gemacht hat. Was mir auch Spaß macht: Das den Leuten dann zu erzählen und nach Möglichkeit halt auch so, dass sie es mir auch glauben und dass sie dann auch auf den Zug mit aufspringen. Auch zu gucken, was es für Designer und dann Leute kennenzulernen, sie mit ins Boot zu holen, es mit denen zusammen zu machen hat viel Spaß gemacht. Und ich meine, wenn man ein eigenes Möbelstück entwerfen kann ist das natürlich etwas wo man sich drüber freut.

Wie ist das dann wenn man dann zum ersten mal da steht und das dann alles im Gesamtbild sieht und einem bewusst wird: „Woah, das haben wir gemacht.“?

Ja, auch das ist gut, natürlich! Was verblüffend ist, diese Leitidee die wir da hatten ist ja eigentlich davon ausgegangen, dass es alles weiß ist, zusammenzieht und dadurch sich auch ein bisschen vom Raum loslöst. Das, was jetzt am Ende entstanden ist, ist lustiger weise fast das Gegenteil. Weil die Wirkung von den Innenräumen der Elbphilharmonie ja auch durch weiß geprägt und sehr leicht ist, die Möbel sehen plötzlich aus, als würden sie da hingehören, als wären sie schon zusammen mitentwickelt worden. Es ist sehr harmonisch geworden, das ist dann das, was einem am Ende auch freut.

Und was ist dein absoluter Favorit unter den Möbeln, die ihr entworfen habt?

Also mir gefällt die Bank, die wir da gemacht haben mit am besten.

Gibt es Momente in deiner Arbeit, wo du Sachen siehst und dir denkst: „Warum ist mir das nicht eingefallen?!“?

Ja, klar, gibt es, bestimmte Architektur die man sieht, wo ich denke, das ist genau das wie ich’s auch gerne machen würde oder das trifft genau das, was ich auch gut finde. Das ist in meinem Falle dann oft sehr minimalistisch, und sehr auf Material beschränkt.

Es gibt einen Architekten in Berlin, Arno Brandlhuber, und der hat die sogenannte Antivilla gemacht. Klingt ganz bösartig. Er hat ein altes Gebäude umgebaut, teilweise sehr brutal, weil er riesige Löcher da rein gebrochen hat und dann Fenster reingesetzt hat – aber er hat das trotzdem vom Stil her ganz gut gemacht. Es trifft jetzt nicht ganz das, was ich grade erzählt hab, aber trotzdem geht es so in die Richtung und das ist was, wo ich sage: „Mann, auf die Idee hätte man auch kommen sollen.“